rainer maria rilke

Pieta


pieta


Pieta

So seh ich, Jesus, deine Füße wieder,
die damals eines Jünglings Füße waren,
da ich sie bang entkleidete und wusch;
wie standen sie verwirrt in meinen Haaren
und wie ein weißes Wild im Dornenbusch.

So seh ich deine niegeliebten Glieder
zum erstenmal in dieser Liebesnacht.
Wir legten uns noch nie zusammen nieder,
und nun wird nur bewundert und gewacht.

Doch, siehe, deine Hände sind zerrissen-:
Geliebter, nicht von mir, von meinen Bissen.
Dein Herz steht offen, und man kann hinein:
das hätte dürfen nur mein Eingang sein.

Nun bist du müde, und dein müder Mund
hat keine Lust zu meinem wehen Munde-.
O Jesus, Jesus, wann war unsre Stunde?
Wie gehn wir beide wunderlich zugrund.

Rainer Maria Rilke
1875-1926

Herbsttag


herbsttag

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke
1875-1926

Liebeslied


liebeslied

Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deineTiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Rainer Maria Rilke
1875-1926

Abschied


rilke-hobo


Abschied

Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt.
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.

Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wärens alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leises Weiterwinkendes – schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen

Rainer Maria Rilke
1875-1926

Die LYRIC GALLERY

Liebe Lyrik-Freunde!
Mein Name ist
evelyne weissenbach
und ich bin freie Autorin.
Ich schreibe
Romane und Sachbücher.
Aber meine besondere
Vorliebe gilt der Lyrik.
Mein Verlagspartner und
meine kreativen Freunde
haben mich ermutigt, ein
Gemeinschafts-Projekt zu
starten, das vorläufig einfach
der Freude an der Lyrik, in
Verbindung mit Malerei und
Fotografie gewidmet sein soll.
Gerne erweitern wir unseren
kreativen Freundeskreis.
Wenn du Gedichte hast, die
du hier veröffentlichen willst,
dann schicke sie bitte an lyria@post.com.
Wir treten dann mit dir in
Verbindung wegen des
weiteren Ablaufes.
Nur Mut! Wir freuen uns sicher.
Einen Rechtsanspruch
auf Veröffentlichung gibt es
allerdings nicht.
Die alleinige Entscheidung ist
unserem Team vorbehalten.

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