

Weihnachtslied
Frost klirre Glas!
Eisblumen blühn.
Raureif im welken Gras
Sprüht feurig Grün.
Fuchs, Has' und Reh
Hüllt warm das Winterfell.
Bald fällt ein Schnee
Und macht die Nächte hell -
Wiesel wird Hermelin.
Dompfaff ans Fenster pickt.
Herr, mach auch ihn
Warm wie von Woll' umstrickt.
Laut unser Weihnachtswunsch
Beim roten Toddyglas:
Schenk jedem Bettler Punsch
Und jedem Vogel Fraß!
Viel Brüder schweifen weit
In deiner Nacht verirrt.
Schaff uns die Zeit,
Wo jedem Heimat wird.
Schick uns die Not,
Eh' unser Herz erschlafft.
Gib täglich Brot
Jedem, der sich's erschafft.
Schür uns die Freud'!
Hell brennt die Sonn' ins Feld!
All sind wir reiche Leut'
Auch ohne Geld!
Hilf, dass der rechte Mann
Die rechte Frau sich find',
Und segne beiden dann
Ein Krippenkind.
Carl Zuckmayer
1896-1977
Mensch ärgere dich nicht
Wieder sind die Würfel gefallen,
wieder wurde ich hinausgekegelt,
wieder stehe ich am Anfang und warte ich
auf die richtige Zahl für den Neubeginn,
wieder sehe ich andere vorbeieilen, vorankommen,
während ich hier stehe,
wieder werde ich versuchen voranzukommen,
ohne andere hinaus zu werfen.
Es wird nicht immer klappen,
doch ich bemühe mich.
Aber
wenn ich aufhöre zu würfeln,
nicht stets aufs Neue beginne,
wenn ich nicht mit jeder Sechs meine Chance ergreife,
dann werde ich nirgends ankommen.
Dann werde ich da zurückbleiben, wo ich jetzt bin.
Es ist MEINE Verantwortung.
Den Fall der Würfel kann ich nicht beeinflussen,
die Züge der anderen nicht bestimmen oder voraussagen,
das Spielfeld nicht verlassen.
Die Regeln sind festgelegt,
und auch die Spielfarbe ist mir vorgegeben.
Doch
wie lange ich mitspiele,
wie oft ich neu beginne,
mit wem ich spiele -
bestimme immer ICH!
© Mario Andersch

Die Uhr zeigt heute keine Zeit
Ich bin so glücklich von deinen Küssen,
Dass alle Dinge es spüren müssen.
Mein Herz in wogender Brust mir liegt,
Wie sich ein Kahn im Schilfe wiegt.
Und fällt auch Regen heut ohne Ende,
Es regnet Blumen in meine Hände.
Die Stund’, die so durchs Zimmer geht,
Auf keiner Uhr als Ziffer steht;
Die Uhr zeigt heute keine Zeit,
Sie deutet hinaus in die Ewigkeit.
Max Dauthendey
1867-1918

Die Kraft der Müdigkeit
Wenn deine Stimme
sich in mein Ohr schlängelt
triefend vor Müdigkeit
Weil aus dem See
der Sorgen deiner Liebe
die klebrige Masse
deiner Angst
sich über dein Herz ergießt
und deine Handlungen erschöpft
Dann spüre ich
wie alles Denken
und meine Müdigkeit
zerschmelzend
im warmen See
meiner Liebe
untergehen
Und sich aus ihm
unerschöpflich
der Fluss meiner Zärtlichkeit
über dich ergießt
© evelyne w.


Der blühende Garten
Der blühende Garten
erstarrte
zur Steinwüste
Rosenblätter zerfielen
zu Staub
der Vergänglichkeit
Durch eine Tür
die fest verschlossen schien
ranken frische Triebe
© sigrid boos


Abschied der Vögel
Ade, ihr Felsenhallen,
Du schönes Waldrevier,
Die falben Blätter fallen,
Wir ziehen weit von hier.
Träumt fort im stillen Grunde!
Die Berg stehn auf der Wacht,
Die Sterne machen Runde
Die lange Winternacht.
Und ob sie all verglommen,
Die Täler und die Höhn –
Lenz muss doch wiederkommen
Und alles auferstehn!
Joseph Freiherr von Eichendorff
1788-1857

Licht
Achterbahnfahrende Gedanken
lassen mich glücklich sein.
Ich denke.
Ich bin.
Ich sehne.
Ich liebe.
Ich lebe.
Meine Sinne durchspüren den Herbst,
dessen goldene Blätter baumgelöst
auf mich herabregnen.
Ich will.
Ich kann.
Ich möchte.
Ich darf.
Die Sonne durchbricht meine Kälte,
setzt sich auf moosbewachsene Einsamkeit.
Ich atme,
Ich rieche,
Ich schaue,
Ich höre,
Ich fühle...
immer nur Dich.
© angelika gentgen


Augen in der Großstadt
Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück ...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden ...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück ...
vorbei, verweht, nie wieder.
Du musst auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Es sieht hinüber
und zieht vorüber...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.
Kurt Tucholsky
1890-1935


Nordwind
Ihr Rabenlieder die ihr mir den kalten Wind aus Norden singt,
was gäbe ich für frühen Winterschlaf,
für Höhlenwärme unter glitzerndem Eis.
Möcht Odins Klagen nur in Träumen hören,
entfliehen all dem bunten Grau (auch Herbst genannt).
Hab ich herbeigerufen die Zeitlose, die, die die Fäden schneidet?
Streich wirres Haar aus alter Stirn, ergeben in das Spinnrad das sie führt.
Verwundert dreht im Kreise die Schwester der Unendlichkeit,
die blanke Kugel Schicksal.
Und dort, in dem stillsten Winkel Midgards wartet sie,
die Ruhe hinter dem Sturm.
Ihr Rabenlieder die ihr mir den kalten Wind aus Norden singt,
lasst mich im Schlummer wiegen.
© anja millen

Herbsthauch
Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der prangende Frühling nicht trug
Werde der Herbst dir noch tragen?
Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch
Immer zu schmeicheln, zu kosen,
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends zerstreut er die Rosen.
Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.
Friedrich Rückert
1788-1866


Schilflieder
I.
Drüben geht die Sonne scheiden,
Und der müde Tag entschlief.
Niederhangen hier die Weiden
In den Teich, so still, so tief.
Und ich muss mein Liebstes meiden:
Quill, o Träne, quill hervor!
Traurig säuseln hier die Weiden,
Und im Winde bebt das Rohr.
In mein stilles, tiefes Leiden
Strahlst du, Ferne! hell und mild,
Wie durch Binsen hier und Weiden
Strahlt des Abendsternes Bild.
Nikolaus Lenau
1802-1850
Moganni Nameh
Auszug aus "Selige Sehnsucht"
Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde
Johann Wolfgang von Goethe
1749-1832

Regenbogen
Dein Blick
traf mich wie ein unvermuteter Sonnenstrahl
aus wolkenverhangenem Himmel
Dein Lächeln
wehte zu mir herüber wie ein lauer Windhauch
der den Duft des Frühlings bringt
Deine Worte
wuschen den Winterstaub aus meinem Herzen
zärtlich und sanft wie warmer Mairegen
Und glücklich staunend wie die Kinder
standen wir vor dem Wunder des Regenbogens
der uns plötzlich miteinander verband
© evelyne weissenbach


Abschied
Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt.
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.
Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wärens alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:
Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leises Weiterwinkendes – schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen
Rainer Maria Rilke
1875-1926


der see
langsam gleite ich
in deine offenen arme
deine kühlen, sanften hände
streichen über meine haut
empfängst mich
dehnst dich vor mir aus
teilst dich für mich
hinter mir bilden sich
breite wellen in dir
so trägst du mich sicher
ans ufer zurück
bis ich wieder boden
unter den füßen hab
© elis rotter