Kindheitstage


abendstimmung


Kindheitstage

Die Sonne neigt sich,
goldene Frucht.
Es ist,
als wäre ich noch einmal Kind –
unbefangen und sorglos.

Die Ähren wiegen
sich im blauen Wind.
Alles wovon ich träumte –
ein Buch in meiner Hand
und noch wenige andere Sachen –

Seifenblasen
(nicht rot – nicht weiß)
zerplatzt am Grashalm gleich
hinter unserem Haus.

Nur in meinen Träumen
bin ich noch ich.
Erkennst du mein Gesicht?

Auch dieser Sommer wird vergehen.

© Tobias Renk

Komm in die Wälder


komm in die waelder


Komm in die Wälder

im Gezweig der Nacht
zerfließt mein Atem
im aschblauen Äther;
mein Ich ist versunken:
aufgereihte Schatten gleiten
über Adonishügel und lichte Auen
ins Ungewisse

im Tanz der Gestirne
stöbern unbezähmbare Winde
durch nebelverhüllte Wasser;
mein Ich ist versunken:
... alles fließt
– und nichts hat Bestand
: das Schweigen ist in mir

© Konstanze Petersmann

Wenn


wenn


Wenn


alle Küsse gegeben sind,
alles Streicheln vorüber ist,
wenn ich in mein Kissen sinke,
Deinen Duft und Deine Wärme
in mich aufgenommen habe,
dann liegt keine Last der Welt
auf meinen Schultern,
alles ist leicht
und ruhig
und schön.

Das ist Glück.

© Werner Rohrmoser

und leg ich mich in eine nacht


brockman buch


Es ist so weit!
Wie schon seinerzeit bei der Eröffnung dieses Blogs gehofft und geplant, hat mein Verlagspartner,
der hs-LiteraturverlaG, nun den ersten Band Lyrik mit einer Autorin der Lyric-Gallery herausgebracht.
Und es ist wirklich etwas ganz besonderes geworden: Lyrik deluxe.
Im mitternachtsblauen Hardcover mit einer Aktzeichnung von Heinz Spicka.

Mir wurde die große Ehre zuteil, zu den Gedichten dieser tollen Lyrikerin folgenden Klappentext zu verfassen:

Gedichte muss man spüren.
Sie gehören zu den wenigen Möglichkeiten, Gefühle direkt zu übertragen. Wie Musik, wie Malerei. Es kommt nicht auf die Worte an, es kommt auf ihren Ausdruck an, auf die emotionale Kraft, die hinter einem Text erblüht.
Und doch sind es gerade die Worte, die facettenreiche Sprache der Beatrix Brockman, die ihre Lyrik zum Besonderen machen. Sie versteht es perfekt, Sonnengeflechte zu erbeben und dabei das Gehirn zu verwöhnen - eine Kombination, die nur selten anzutreffen ist.
Es gelingt ihr einerseits, Traumgestalten aus den Bildern aufsteigen zu lassen, die sie zu zeichnen vermag und sie mit Klang zu nähren, und andererseits, ihren Mut das Leben anzunehmen, in lyrischer Stärke auszudrücken und dadurch einen festen Boden der Zuversicht zu schaffen.
Ihre Gedanken finden sich in den Gedanken anderer und erklingen dennoch unvergleichlich in den Räumen, die wir an ihrer Hand betreten. Und - sie ertönen aus den Seiten dieses Buches.


Hier präsentiere ich gerne das titelgebende Gedicht:


und leg ich mich in eine nacht

... und leg ich mich in eine nacht
und küss dir licht in deine schatten
sing ich dir worte in den mund
und öffne ich das buch noch mal
auf dessen seiten sich ein blau
aus schlafstaub legt. und schreib ich dir
mit heißem hauch nicht nur sonette
auf die haut, schreib ich dir auch
mit meinem leib den paso doble
im takt von lungen und von herzen
und geh ich fort und bleib ich doch
und warte auf den zimbelduft
der deinem herz entströmt


Das Buch ist im Online-Shop des Verlages zu bestellen, aber selbstverständlich auch in jeder guten Buchhandlung, wie auch bei Amazon.

Die Autorin freut sich über Feedback. Hier und auf ihrem Blog Poetically.

Frühlingsblumenwortgirlande


fruehlingsblumenwortgirlande


Frühlingsblumenwortgirlande

Wenn im März die Becher schlottern,
und im Schnee die Glöckchen läuten,
gelbe Blümchen sumpfig dottern,
kann dies Frühling nur bedeuten.

Wenn im Busch die Röschen winden,
und der Bock in Scharen krautet,
wenn sich V und Eilchen finden;
Frühling unser Motto lautet.

Wenn die Trauben hyazintheln,
und die Wurzeln stinkig niesen,
wenn die Bären weisslich läucheln;
Frühling, Frühling – er will spriessen.

Wenn es schlüsselt, gelb, das Köpfchen,
und die Narren duftend zissen,
grünen Beet und Blumentöpfchen,
will Frühling bunte Flaggen hissen.

Wenn die Spornen lieblich lerchen,
und die Wiese Kräuter schäumt,
huft der Lattich in den Pferchen,
Wald und Beet vom Frühling träumt.

Wenn sie blühen, Milz und Lunge,
weisse Tauben waldig nesseln,
zeigen Löwen Zahn und Zunge,
sprengt der Frühling Winterfesseln!

© Björn Lindt

Freundin


abendstimmung


Freundin

2.

Unter dem Plüschplaid, mich liebkosend,
Denk ich an gestern, an den Traum.
Was war das? Mein Sieg, dein Sieg? Bloß die
Besiegte Frau?

Ich überdenke alles, leide
Noch immer alles nochmals neu.
In dem, wofür's kein Wort gibt, keines!
War Liebe wohl dabei?

Wer war der Jäger? Wer die Beute?
So teuflisch alles und verrannt!
Was - lange schnurrend - wohl der Kater
Von alledem verstand?

In jenem Zweikampf zweier Willen
Wer war der Ball in wessen Hand?
Und wessen Herz - das meine, Ihres -
Ist plötzlich durchgebrannt?

Und - was nur war das? - immer wieder:
Was will man bloß, das dann nur trügt?
Ich weiß es nicht: bin ich die Siegerin?
War ich besiegt?

© Marina Zwetajewa
1892-1941


Glockenschweigen


glockenschweigen


Glockenschweigen

bettet vorösterlich seinen
Leib – geschunden
verhöhnt durch Jahrtausende

zum Götzen geadelt
in die Schuhe geschoben
Scheiterhaufen – Gralsuche – Kriegsgeschrei

missionarischer Indianertod
bete und arbeite
Sitzend zur Rechten

in Windeln gewickelt
ein Kind – Leichentuch auf
Golgatha

Auf Gräbern strecken
Osterglocken sich empor
goldblühend

© Elsa Rieger

und wachst du


und wachst du


und wachst du

... und wachst du
über meine nacht
mit warmer hand
an meinem nacken
und strömt aus
deinen braunen augen
eine wurzel mir
ins herz, das sich
wie frisch gepflügte äcker
dem durchdringen öffnet
und ist sie fruchtbar
meine erde – und blüht
so neu was kürzlich
erst zu welken schien

© Beatrix Brockman

nacht des heiligen trifun


nacht des hl trifun


nacht des heiligen trifun

nachts umher ging und schrie
so traurig: küssen wollt
unter zweigen ich
wo man die augen offen
bis zu himmel
schlafen kann


die nacht als sie sterne
in den wimpern trug
unerwartet: sie versank
im zarten birkenbaumschatten
dass mein herz
für immer gebrochen

© Miroslav Dusanic

Abendstimmung


abendstimmung


Abendstimmung

Wenn die Sonne kraftlos in das Nichts versinkt
und mit letztem Glanze Abendstimmung bringt,
deckt die Welt sich zu, mit Sehnsuchtsschleiern,
und der junge Abend ringt in stillen Feiern
mit des Tages letztem Atemzug;
abgestreifte Hektik dieser Zeit -
tiefe Ruhe, Frieden, Einsamkeit.
Nur noch Schweigen ringsumher,
und die Schatten huschen durch das Meer
letzter Taggedanken.

© Gisela Seidel

Schneeglöckchen


schneegloeckchen


Schneeglöckchen

's war doch wie ein leises Singen
In dem Garten heute nacht,
Wie wenn laue Lüfte gingen:
"Süße Glöcklein, nun erwacht,
Denn die warme Zeit wir bringen,
Eh's noch jemand hat gedacht." -
's war kein Singen, 's war ein Küssen,
Rührt' die stillen Glöcklein sacht,
Daß sie alle tönen müssen
Von der künftgen bunten Pracht.
Ach, sie konntens nicht erwarten,
Aber weiß vom letzten Schnee
War noch immer Feld und Garten,
Und sie sanken um vor Weh.
So schon manche Dichter streckten
Sangesmüde sich hinab,
Und der Frühling, den sie weckten,
Rauschet über ihrem Grab.

Joseph Freiherr von Eichendorff
1788-1857

Mal mir den Morgen


mal mir den morgen


Mal mir den Morgen

mal mir den Morgen in Pastell
mit rosenroten Wangen
lass seine Augen leuchten
hinter Wolkenwimpern
und locken mich
in deinen Tag

den Abend aber tauch in Aquarell
bis Blau verschwimmt in Nacht
dass Farben fließen
in das Dunkel
und Stille breitet sich
in uns

© Uta Lösken

Vogelfrei


vogelfrei

Vogelfrei

ich hatte Besuch heute
ein stolzer Vogel
saß im Baum
jenem Baum
den ich auserkoren
meiner zu sein
unter all denen
die wachsen
der Vogel hüpfte von Ast zu Ast
mit geschwollener Brust
unablässig und eifrig
doch ohne Hast
als ich die Augen schloss
um sie Tage später
wieder zu öffnen
war der Vogel
mit mir geflogen
durch all die Träume
bitteren Salze
hatte sich niedergelassen
in einem Baum
einem anderen
nicht meinem
stolz eifrig und ohne Hast
hüpfte er von Ast zu Ast

© Julietta Fix

und wird ein warten sein


und wird ein warten sein


und wird ein warten sein

ich glaube
dass sich ein schweigen
aus der zeit wintert
wo in der weite
der nacht ein atmen
durch kälte streift
und halt macht
vor gesplitterten
träumen

in denen laub
sich hügelt
neben den wegen
und jeder schritt versinkt
in gedanken an morgen
und an dich

sehnsucht windet sich
durch zäune
sucht verwittertes
zu durchdringen
und lockt das auge
mit dem versprechen
satter farben jenseits
des wartens

etwas bleibt
hinter dem gewissen zurück
nur der blick auf den tag
der vor allem war
behält hoffnung in sich
einen beginn
der stets aufs neue
alles vorenthält

© claire delalune

Als Hörversion
gesprochen von Elsa Rieger

Die LYRIC GALLERY

Liebe Lyrik-Freunde!
Mein Name ist
evelyne weissenbach
und ich bin freie Autorin.
Ich schreibe
Romane und Sachbücher.
Aber meine besondere
Vorliebe gilt der Lyrik.
Mein Verlagspartner und
meine kreativen Freunde
haben mich ermutigt, ein
Gemeinschafts-Projekt zu
starten, das vorläufig einfach
der Freude an der Lyrik, in
Verbindung mit Malerei und
Fotografie gewidmet sein soll.
Gerne erweitern wir unseren
kreativen Freundeskreis.
Wenn du Gedichte hast, die
du hier veröffentlichen willst,
dann schicke sie bitte an lyria@post.com.
Wir treten dann mit dir in
Verbindung wegen des
weiteren Ablaufes.
Nur Mut! Wir freuen uns sicher.
Einen Rechtsanspruch
auf Veröffentlichung gibt es
allerdings nicht.
Die alleinige Entscheidung ist
unserem Team vorbehalten.

Kommentare

Kindheitstage
Kindheitstage Die Sonne neigt sich, goldene Frucht. Es...
lyria - 14. Mai, 01:05
Komm in die Wälder
Komm in die Wälder im Gezweig der Nacht zerfließt...
lyria - 12. Mai, 00:14
Ja es ist bedauerlich
allerdings, dass es Leute gibt, die anonym Urheberrechtsverletzungen. ..
Chris (anonym) - 10. Mai, 17:46
oh
das ist natürlich die ganz besonders feine art. anonyme...
evelyne w. - 5. Mai, 19:20
Einfach nur lesen: http://eisenia.twod ay.net/stories/4673888/com ments/4681804/comment
Einfach nur lesen: http://eisenia.twod ay.net/stories/4673888/com ments/4681804/comment
YX (anonym) - 5. Mai, 14:34

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Zuletzt aktualisiert: 14. Mai, 13:06

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