zelt
sei der himmel
aus tiefviolett
das dach unsres zeltes
die wände nachgiebig
und dicht geflochten
aus liebe
und der alte uns
tragende boden
tiefer grundgedanke.
© Birgit Heid

Als er der Phillis einen Ring
mit einem Totenkopfe überreichte
Erschrick nicht vor dem Liebeszeichen,
Es träget unser künftig Bild,
Vor dem nur die allein erbleichen,
Bei welchen die Vernunft nichts gilt.
Wie schickt sich aber Eis und Flammen?
Wie reimt sich Lieb und Tod zusammen?
Es schickt und reimt sich gar zu schön,
Denn beide sind von gleicher Stärke
Und spielen ihre Wunderwerke
Mit allen, die auf Erden gehn.
Ich gebe dir dies Pfand zur Lehre:
Das Gold bedeutet feste Treu,
Der Ring, dass uns die Zeit verehre,
Die Täubchen, wie vergnügt man sei;
Der Kopf erinnert dich des Lebens,
Im Grab ist aller Wunsch vergebens,
Drum lieb und lebe, weil man kann,
Wer weiß, wie bald wir wandern müssen!
Das Leben steckt im treuen Küssen,
Ach, fang den Augenblick noch an!
Johann Christian Günther
1695-1723
Du
Wie lieb ich
deiner Stimme Klang
wenn sie zur Nacht
mir Brunnenworte spricht
und dieses Lachen
schattenlos
das sich auf meine Wangen legt
wenn ich voll Dunkeltönen bin
Wie neide ich dem Morgen stets
den Augenblick wenn du erwachst
und einen späten Blütentraum
dir lächelnd aus den Wimpern schälst
bevor die nachtgereifte Hand
das erste Licht des Tages greift
Du kleidest dich
in Rotmohnwind
und jeder könnt dich sehn
doch gibt es keinen /außer mir/
der dies zerbrechliche
Geheimnis kennt
© Monika Kafka
ohne worte
ein gedicht
aus schweigen gemacht
die nacht
hat ihren mond
ganz still
hervorgeholt
der wind
windlos gewollt
nur frischer duft
steigt aus
gemähter wiese auf
die zeit
nimmt still
ihren lauf
unverletzt
streicht
meine worte jetzt
denn nur aus schweigen
ist dieses gedicht
gemacht
© Edith Hornauer

Freundin
2.
Unter dem Plüschplaid, mich liebkosend,
Denk ich an gestern, an den Traum.
Was war das? Mein Sieg, dein Sieg? Bloß die
Besiegte Frau?
Ich überdenke alles, leide
Noch immer alles nochmals neu.
In dem, wofür's kein Wort gibt, keines!
War Liebe wohl dabei?
Wer war der Jäger? Wer die Beute?
So teuflisch alles und verrannt!
Was - lange schnurrend - wohl der Kater
Von alledem verstand?
In jenem Zweikampf zweier Willen
Wer war der Ball in wessen Hand?
Und wessen Herz - das meine, Ihres -
Ist plötzlich durchgebrannt?
Und - was nur war das? - immer wieder:
Was will man bloß, das dann nur trügt?
Ich weiß es nicht: bin ich die Siegerin?
War ich besiegt?
© Marina Zwetajewa
1892-1941
Lebenspuzzle
Gedanken - Puzzleteile
Tag für Tag
neu zusammengesetzt
sammle
verliere sie nicht
viele Teile - zuviele
immer wieder neu anfangen
nicht aufgeben
nachdenken
mal falsch zusammengesetzt
herausnehmen
wieder neu beginnen
liegen wir richtig
oder falsch -
ein Zwischending
gibt es nicht
entweder - oder
wir selbst entscheiden
© Bruni Markert


Vorfrühling
Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt,
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.
Er schüttelte nieder
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.
Lippen im Lachen
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.
Er glitt durch die Flöte,
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.
Er flog mit Schweigen
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.
Es läuft der Frühlingswind
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.
Durch die glatten
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten
Und den Duft,
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern Nacht.
Hugo von Hoffmansthal
1874-1929
evelyne w. - 25. Mär, 21:44

Abend
Schwarze Moose.
Erdgeruch in lauen Flocken.
Schmale dünne Silberblüten
Und Gesang von bleichen Glocken.
Welke Feuer löschen leise.
Nur ein Atmen warmer Flut.
Blühend schmelzen rote Meere,
Dunkle Sonnen saugen Blut.
Max Dauthendey
1867-1918
Silvester
Was für ein Jahr!
Wie oft
War es doch wunderbar!
Ich habe geliebt
Ich habe gelacht
Hab Spaß gehabt
Und auch gemacht
Ich habe gehofft
Ich habe geträumt
Und ich hab
Einiges nicht versäumt
Was für ein Jahr!
Wie oft
War ich doch undankbar!
Ich habe gefordert
Ich habe gezankt
Hab Unsinn gemacht
Unsinniges verlangt
Ich habe gehadert
Ich habe gestritten
Und ich hab
Manchen Zweifel geritten
Was für ein Jahr!
Und doch
Es war wunderbar!
Ich hab’ nichts bereut
In vielem Sinn gefunden
Es gab glückliche
Und auch traurige Stunden
Hab’ aus Liebe gelitten
Doch auch aus Liebe gebebt
Und weiß am Ende des Jahres:
Ich habe gelebt!
© evelyne w.
wir wünschen
gute ankunft im neuen jahr!
evelyne w. - 31. Dez, 00:16
weihnachtsweg
und wenn du
vor dem kinde stehst
dann werde still
und horche auf das lied
das es dir singt
öffne die augen weit
um sein licht
in deinem blick
zu sammeln
dann breite aus
die decke deiner wärme
und lege an den mantel
der rücksicht und
fürsorglichkeit
und wandere
mit festem schritt
im stiefel des erkennens
den weg den
dir die weihnacht zeigt
© evelyne w.
evelyne w. - 24. Dez, 13:32
Es ist Advent
Im Tale sind die Blumen nun verblüht
und auf den Bergen liegt der erste Schnee.
Des Sommers Licht und Wärme sind verglüht,
in Eis verwandelt ist der blaue See.
Wie würde mir mein Herz in Einsamkeit
und in des Winters Kälte angstvoll gehen,
könnt ich in aller tiefen Dunkelheit
nicht doch ein Licht in diesen Tagen sehn.
Es leuchtet fern und sanft aus einem Land,
das einstens voll von solchen Lichtern war.
Da ging ich fröhlich an der Mutter Hand
und trug in Zöpfen noch mein braunes Haar.
Verändert hat die Welt sich hundertmal
in Auf und Ab - doch sieh, mein Lichtlein brennt!
Durch aller Jahre Mühen, Freud und Qual
leuchtet es hell und schön:
Es ist Advent!
Friedrich Wilhelm Kritzinger 1816-1890
evelyne w. - 15. Dez, 01:48

Zauberer
die Bühne dunkel leer
ganz sanft fährt der Beleuchter
die Regler hoch
es glimmt und schimmert
milchig kühl
Kulissen zeigen sich
wie machst du dass
das eng begrenzte
Taltheater
Weite spielt
und fliegt mein Blick
von Zweig zu Zweig
verliert sich
hinterm Nebelgrau
den Schalter umgelegt
strahlt Scheinwerfer und
löst die Schleier
Tag schält sich
aus dem Morgenmantel
das Spiel beginnt
© Uta Lösken
evelyne w. - 21. Nov, 23:55
Winter im Sommer
In ihren Schalen wie Morgensterne die Kastanien,
unpflückbar klein die grünen Äpfel, festgehakt
an ihren Stielen, grün auch der Wein, die harten,
kleinen Trauben im kalten Nacht- und Tagesregen.
Es wird nicht richtig hell und die Tage verkürzen
das graue Licht aus den Wolkenfiltern – es ist
Sommer und wieder nicht, es ist Winter noch
nicht, Herbst liegt versteckt in den Regenrinnen.
Was soll aus uns werden, wenn der erwartete
Zeitenlauf bricht, zerstörte Brücke im Jahresfluss?
Wo stürzen wir ohne Übergang hinaus, wo hin?
Die enttäuschte Erwartung erweckt unsere Kraft.
© Klaus Martens
evelyne w. - 27. Sep, 22:41
schämt ihr euch nicht?
seht nur genau hin!
kinder sinds
die körper klein
gesichter alt
die haltung aggressiv
krieger
der einsamkeit
des schmerzes
waisen
von selbstgerechter
helfers hand
und ihr
im grauen anzug
schüttet das blablabla
über die welt
sendet den hohn
per flugzeug
dorthin
wo ihr die grenzen
dicht macht
und krüppelkinder zeugt
aus abgewandtem blick
es wuchert scham
aus meinem herz
mensch
genannt zu werden
wie auch ihr
© evelyne w.
Gemeinschaftsarbeit zum Kinderwelttag 2010
gegen Kinderarmut, Misshandlung und Kindermissbrauch
gelesen auch als Video bei Youtube
evelyne w. - 5. Sep, 22:38