harzer aussicht
weich wölbt sich der rotbraune teppich
über die uralten steinernen höhen
herbstdunst atmet bläue darüber
und die blasse sonne haucht
mit letzter kraft goldfunken
ins panorama
in der nähe lacht ein auerhahn
über so viel romantik
wohlig glatt und warm
bietet die alte holzbank
gerade platz für zwei
die sich noch nah sein mögen
im herbst
die aussicht gibt es gratis dazu
© isabella kramer - veredit
evelyne w. - 26. Okt, 12:10
schlafender Schnee
sagt der Mondlicht lächelnde
Herbst und wischt sich den Reifrost
einer westwärts hastenden Wolkenkarawane
breit und sein Grinsen bleibt uns
heiliger Schein auf der Schattenseite des Frühlings
zu wahren was wir verloren
glauben und Wissen
wie die Gefiederten am Sonnenufer
des Winters Küsse finden die blühen
© Elke Nachtigall
evelyne w. - 12. Okt, 22:13

Überall
Überall ist Wunderland
Überall ist Leben
Bei meiner Tante im Strumpfenband
wie irgendwo daneben.
Überall ist Dunkelheit
Kinder werden Väter.
Fünf Minuten später
stirbt sich was für einige Zeit.
Überall ist Ewigkeit.
Wenn Du einen Schneck behauchst
Schrumpft er ins Gehäuse,
Wenn Du ihn in Kognak tauchst,
Sieht er weiße Mäuse.
Joachim Ringelnatz
1883-1934
einschlafen
ich möchte
so wie du
einschlafen
können
in deiner wärme
die ruhe finden
und die kraft
die du morgen hast
ich bin wach
und höre dich
ruhig atmen
fühle mich
dir so nahe
wenn du schläfst
und wünsche mir
dies bleibend
für
uns
© heinz spicka

Hör deine Stimme ich
Hör deine Stimme ich,
Klingend von Zärtlichkeit,
Das Herz will springen,
Wie ein Star im Käfig.
Schau deine Augen ich,
Lasurblaue Abgründe,
So drängt meine Seele
Fort aus der Brust dorthin,
Und mir ist seltsam froh,
Ich weinte am liebsten,
Und möchte fallen gleich
In deine Arme dann.
Michail Lermontov
1814-1841
(Übersetzung: Stefan Döring)

Er ist's
Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
- Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!
Eduard Mörike
1804-1875


Ich liebe dich
Ich liebe dich.
Ich liebe den Duft deines Zimmers,
deines Kleiderschrankes, deines Bettes.
So duften die Rinden der Bäume
im Vorfrühling, wenn noch kein Laub ist
und alle Kraft im Baume drinnen liegt.
Ich liebe dich ... Noch lehnst du lächelnd
an dem Tor des Lebens.
Ich liebe dich.
Peter Altenberg
1859-1919
Schweigen auf Zimt
Du schwiegst so schön
da wollte ich nicht fragen
und meine Stimme
in das Schweigen legen
der Moment
er roch nach Zimt
und wilden Fantasien
stand – Sekunden nur
ganz still
als hätte er geliebt
© Christa Issinger
angelangt
ein schritt
ein sprung
gehüpft
gerutscht
getanzt
und
angelangt
im neuen jahr
© evelyne w.

Still
Im Schweigen
ruht die Stille
wenn Kerzen
dunkles Grün erhellen
statt Funkeltand
das Glitzern
im Auge des geliebten
Menschen ein Fest
der Freude ist.
Im Schweigen
ruht die Stille
wenn andere
diese eine Nacht
besingen und uns
ein Blick, ein kurzes
Streifen warmer
Finger den Frieden
näher bringt.
Im Schweigen
ruht die Stille
wenn unterm
Baum nur Liebe
liegt - wenn unsere Welt
ganz kurz verharrt
und wir den Sinn
der stillen Nacht
für uns begreifen.
© Beatrix Brockman

Kann denn der Mensch
sich auf Weihnachten freuen?
Kann denn der Mensch
Frieden mit sich machen
Wenn es doch rundherum gibt Krieg?
Kann denn der Mensch
die Liebe leben
Wenn es rundherum geht
nur um Niederlage oder Sieg?
Kann denn der Mensch
sich auf Weihnachten freuen
Wenn rundherum gemordet wird?
Kann denn der Mensch
glücklich sein
Mit der Angst
dass morgen die Welt er verliert?
Ja der Mensch kann!
Aber nur dann
Wenn der Mensch
Halt in sich selber findet
Wenn er sich mit Anderen
in Liebe verbindet
Wenn er den Frieden lebt
für den er zuständig ist
Wenn er dahin gibt
wo so vieles wird vermisst
So bringt er den Frieden in die Welt
So bringt er mehr Liebe
damit nicht so viel fehlt
Und indem er bekämpft seiner Seele Tod
Lindert er nicht nur seine eigene Not
Sondern auch die jener
deren Seele schon friert
Was nicht in seiner Verantwortung liegt
Daran muss der Mensch nicht leiden
Nur wo er die Selbstverantwortung abgibt
Lässt sich der Konflikt
Mit ihm selbst nicht vermeiden
Wenn der Mensch
den Platz
auf den ihn das Leben stellt
menschlich ausfüllt
Ist es nicht notwendig
dass er sich quält
Mit der Vorstellung
dass er das Los Anderer ertragen muss
Sein eigenes Los
ist von ihm anzunehmen
Dabei auf die Anderen
nicht zu vergessen
Und wenn er sich nicht einlullt
in Gedanken in bequemen
Kann mit wachem Bewusstsein
er seine Hilfe bemessen
Dann kann er auch
Weihnachtsfreude bereiten
Und nicht nur den Anderen
Sondern auch sich selbst
Denn wenn die Liebe
sein Herz lässt weiten
Dann ist
Jesus' Geburtstag
Für ihn das richtige Fest
© evelyne w.
dieses gedicht gibt es auf
lylos weihnachtslesungs-blog
auch als mp3 zum anhören.
herbstburg
das grün
steige ich hinan
leidenschaft
rinnt
in das leben
meines rots
sonniges glück
strahlt
in die burg
meines herbstes
© evelyne w.
Stille schon in den Senken
Wald.
Collage aus Licht und Schatten.
Getupftes Bunt.
Moosatem wächst im Relief seiner Wurzeln.
Höfe.
Wind wildert um die alten Gemäuer.
Zu ihren Füßen beginnt
die Zeit zu rasten.
Stille schon in den Senken.
Himmel.
Fliehende Wolkenskizzen.
Bald streut die Nacht
Schwarz in deine Augen.
Von Sternadern durchzogen.
Komm ins Haus, bevor der Himmel fällt.
© Gabriele Pflug
Der Zweifel
Als Ausdruck eines Wissens,
das tief, tief unterhalb
des eigentlichen Ist,
sich seine Tunnel gräbt.
Hinauf ins Unabänderliche,
das zweifellos erkennt,
worauf des Zweifels Grund
gegründet.
Doch weg, hinweg,
du schnöde Wirklichkeit.
Ich baue mir ein Nest aus
wie es mir gefällt und
scheiß auf alles Ist,
denn mir, mir ganz allein,
gehört das Reich der Märchen.
© Otto Lenk