

Fliedermonolog
Auszug
Und doch, 's will halt nicht gehn
ich fühl's und kann´s nicht verstehn
kann´s nicht behalten
doch auch nicht vergessen
und fass ich es ganz,
kann ich's nicht messen.
Doch wie wollt ich auch messen,
was unermesslich mir schien
Kein' Regel wollte da passen
und war doch kein Fehler drin.
Richard Wagner
1813-1883
"Meistersinger von Nürnberg", Uraufführung 1868

Herbstfrühling
Feiner weißer Nebel
liegt auf deinen Schläfen
und mahnt
an den bevorstehenden Winter
Doch die Herbstsonne
in deinen Augen
lässt Früchte in mir reifen
die ein viel zu kalter Sommer
fast vertrocknen ließ
Dein Herbststurm
fegt das welke Laub
aus dem Garten meiner Lust
und befreit so
die darunter verborgenen
Herbstzeitlosen
die sich unter deinem
sanften Herbstregen
zu einer nie gekannten
Pracht entfalten
Mit sicherer Hand
führst du mich
durch die Felder
deiner herbstlichen Erfahrung
und lehrst mich
den richtigen Zeitpunkt
für die Ernte
Ich habe nie geahnt
dass man im Herbst
einen so wunderbaren Frühling
erleben kann
© evelyne weissenbach

Glückliche Augen
Glückliche Augen.
Die Taschen voller Sternenstaub,
fühl ich mich so jung geliebt.
Spür ich hinein ins Gegenüber,
lausch ich der Stimme Kraft,
fühl ich mich so wohl in mir.
Was sind schon Jahresringe.
© Angelika Gentgen

Ich bin ein Kind der Stadt
Ich bin ein Kind der Stadt. Die Leute meinen,
und spotten leichthin über unsereinen,
dass solch ein Stadtkind keine Heimat hat.
In meine Spiele rauschten freilich keine
Wälder. Da schütterten die Pflastersteine.
Und bist mir doch ein Lied, du liebe Stadt!
Und immer noch, sooft ich dich für lange
verlassen habe, ward mir seltsam bange,
als könnt' es ein besondrer Abschied sein;
und jedesmal, heimkehrend von der Reise,
im Zug mich nähernd, überläuft's mich leise,
seh' ich im Dämmer deine Lichterreihn.
Und oft im Frühling, wenn ich einsam gehe,
lockt es mich heimlich raunend in die Nähe
der Vorstadt, wo noch meine Schule steht.
Da kann es sein, dass eine Straßenkrümmung,
die noch wie damals ist, geweihte Stimmung
in mir erblühen macht wie ein Gebet.
Da ist der Laden, wo ich Heft und Feder,
den ersten Zirkel und das erste Leder
und all die neuen Bücher eingekauft.
Die Kirche da, wo ich zum ersten Male
zur Beichte ging, zum heiligen Abendmahle,
und dort der Park, in dem ich viel gerauft.
Dann lenk' ich aus den trauten Dunkelheiten
der alten Vorstadt wieder in die breiten
Gassen, wo all die lauten Lichter glüh'n,
und bin in dem Gedröhne und Geschrille
nur eine kleine, ausgesparte Stille,
in welcher alle deine Gärten blüh'n.
Und bin der flutend namenlosen Menge,
die deine Straßen anfüllt mit Gedränge,
ein Pünktchen nur, um welches du nicht weißt;
und hab' in deinem heimatlichen Kreise,
gleich einem fremden Gaste auf der Reise,
kein Stückchen Erde, das mein eigen heißt.
Anton Wildgans
1881-1932

Kuss
Auf die Hände küsst die Achtung,
Freundschaft auf die offne Stirn,
Auf die Wange Wohlgefallen,
Sel'ge Liebe auf den Mund;
Aufs geschlossne Aug' die Sehnsucht,
In die hohle Hand Verlangen,
Arm und Nacken die Begierde;
Üb'rall sonst hin Raserei!
Franz Grillparzer
1791-1872

Septembertag
Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit,
die dich befreit, zugleich sie dich bedrängt;
wenn das kristallene Gewand der Wahrheit
sein kühler Geist um Wald und Berge hängt.
Dies ist des Herbstes leidvoll süße Klarheit ...
Christian Morgenstern
1871-1914

Entsagung
Eins ist, was altergraue Zeiten lehren.
Und lehrt die Sonne, die erst heut getagt:
Des Menschen ew'ges Los, es heißt Entbehren,
Und kein Besitz, als den du dir versagt.
Die Speise, so erquicklich deinem Munde,
Beim frohen Fest genippter Götterwein,
Des Teuren Kuss auf deinem heißen Munde,
Dein wär's? Sieh zu, ob du vielmehr nicht sein!
Denn der Natur alther notwend'gen Mächte,
Sie hassen, was sich freie Bahnen zieht,
Als vorenthalten ihrem ew'gen Rechte,
Und reißen's lauernd in ihr Machtgebiet.
All was du hältst, davon bist du gehalten,
Und wo du herrschest, bist du auch der Knecht.
Es sieht Genuss sich vom Bedarf gespalten,
Und eine Pflicht knüpft sich an jedes Recht.
Nur was du abweist, kann dir wiederkommen.
Was du verschmähst, naht ewig schmeichelnd sich.
Und in dem Abschied, vom Besitz genommen,
Erhältst du dir das einzig deine: Dich!
Franz Grillparzer
1791-1872

gegenlicht
im gegenlicht zeigst du
angelehnte gelassenheit
deiner gediegenen figur
doch kein bisschen innen
© heinz spicka

Weiberherbst
Zärtlich getragen
vom Nebel
Der sich weich um mich schmiegt
Tief atmend
den Duft des Herbstes
Der in der satten Luft liegt
Schwebt mein Herz
durch die farbige Pracht
Die mein Leben so herrlich reich macht
Es sind die Farben
der glücklichen Stille
Die in mir leuchten
in einer Fülle
Die Gott
in meine Ewigkeit senkt
Weil Er mir wieder
den Herbst schenkt
Sanftes Nieseln streichelt mich
Und küsst wie frischer Morgentau
Alle meine Sinne wach
Und ich erkenne im Herbst die Frau
Der Jahreszeiten einziges Weib
Die strahlende Schönheit
In deren Leib
der Herd des Lebens ewig wärmt
Der Frühling
Der Jüngling
der strahlend ausschwärmt
Der sorglos aufbricht
und überall sät
Der Sommer
Der lachend einhergeht
Mit heißem Atem
und mit spendender Kraft
Alles wachsen lässt
aus seinem Saft
Der in schwülen Nächten
von Freiheit erzählt
Und vieles verspricht
was er dann nicht hält
Der Winter
Ein eiskalter Soldat
Mit klirrenden Waffen
in prachtvollem Staat
Tötet
was sich nicht schützt vor ihm
Lässt viele
zitternd vor ihm fliehen
Doch jetzt der Herbst
der nach innen ruft
Mit prächtigen Farben
und sinnlichem Duft
Mit weichen Konturen
im milden Licht
Mit feuchten Lippen
im üppigen Gesicht
Der Ernten gibt
und sich daran freut
Der Jahreszeiten Weiblichkeit
Und groß ist mein Glück
so von Weib zu Weib
Denn auch ich
fühl' den Herbst
in meinem Leib
© evelyne weissenbach
evelyne w. - 9. Okt, 22:32