Die Uhr zeigt heute keine Zeit


die uhr zeigt heute keine zeit


Die Uhr zeigt heute keine Zeit

Ich bin so glücklich von deinen Küssen,
Dass alle Dinge es spüren müssen.
Mein Herz in wogender Brust mir liegt,
Wie sich ein Kahn im Schilfe wiegt.
Und fällt auch Regen heut ohne Ende,
Es regnet Blumen in meine Hände.
Die Stund’, die so durchs Zimmer geht,
Auf keiner Uhr als Ziffer steht;
Die Uhr zeigt heute keine Zeit,
Sie deutet hinaus in die Ewigkeit.

Max Dauthendey
1867-1918

Die Kraft der Müdigkeit


kraft der müdigkeit


Die Kraft der Müdigkeit

Wenn deine Stimme
sich in mein Ohr schlängelt
triefend vor Müdigkeit

Weil aus dem See
der Sorgen deiner Liebe
die klebrige Masse
deiner Angst
sich über dein Herz ergießt
und deine Handlungen erschöpft

Dann spüre ich
wie alles Denken
und meine Müdigkeit
zerschmelzend
im warmen See
meiner Liebe
untergehen

Und sich aus ihm
unerschöpflich
der Fluss meiner Zärtlichkeit
über dich ergießt

© evelyne w.

Der blühende Garten


der blühende garten


Der blühende Garten

Der blühende Garten
erstarrte
zur Steinwüste

Rosenblätter zerfielen
zu Staub
der Vergänglichkeit

Durch eine Tür
die fest verschlossen schien
ranken frische Triebe

© sigrid boos

Abschied der Vögel


abschied der voegel


Abschied der Vögel

Ade, ihr Felsenhallen,
Du schönes Waldrevier,
Die falben Blätter fallen,
Wir ziehen weit von hier.

Träumt fort im stillen Grunde!
Die Berg stehn auf der Wacht,
Die Sterne machen Runde
Die lange Winternacht.

Und ob sie all verglommen,
Die Täler und die Höhn –
Lenz muss doch wiederkommen
Und alles auferstehn!

Joseph Freiherr von Eichendorff
1788-1857

Licht


licht


Licht

Achterbahnfahrende Gedanken
lassen mich glücklich sein.

Ich denke.
Ich bin.
Ich sehne.
Ich liebe.
Ich lebe.

Meine Sinne durchspüren den Herbst,
dessen goldene Blätter baumgelöst
auf mich herabregnen.

Ich will.
Ich kann.
Ich möchte.
Ich darf.

Die Sonne durchbricht meine Kälte,
setzt sich auf moosbewachsene Einsamkeit.

Ich atme,
Ich rieche,
Ich schaue,
Ich höre,
Ich fühle...

immer nur Dich.

© angelika gentgen

Augen in der Großstadt


augen in der großstadt


Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:

da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück ...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.

Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden ...

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück ...
vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.

Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.

Es sieht hinüber
und zieht vorüber...
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?

Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky
1890-1935

Nordwind


nordwind


Nordwind

Ihr Rabenlieder die ihr mir den kalten Wind aus Norden singt,
was gäbe ich für frühen Winterschlaf,
für Höhlenwärme unter glitzerndem Eis.
Möcht Odins Klagen nur in Träumen hören,
entfliehen all dem bunten Grau (auch Herbst genannt).

Hab ich herbeigerufen die Zeitlose, die, die die Fäden schneidet?
Streich wirres Haar aus alter Stirn, ergeben in das Spinnrad das sie führt.
Verwundert dreht im Kreise die Schwester der Unendlichkeit,
die blanke Kugel Schicksal.
Und dort, in dem stillsten Winkel Midgards wartet sie,
die Ruhe hinter dem Sturm.

Ihr Rabenlieder die ihr mir den kalten Wind aus Norden singt,
lasst mich im Schlummer wiegen.

© anja millen

Herbsthauch


herbsthauch


Herbsthauch

Herz, nun so alt und noch immer nicht klug,
Hoffst du von Tagen zu Tagen,
Was dir der prangende Frühling nicht trug
Werde der Herbst dir noch tragen?

Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch
Immer zu schmeicheln, zu kosen,
Rosen entfaltet am Morgen sein Hauch,
Abends zerstreut er die Rosen.

Lässt doch der spielende Wind nicht vom Strauch,
bis er ihn völlig gelichtet.
Alles, o Herz, ist ein Wind und ein Hauch,
Was wir geliebt und gedichtet.

Friedrich Rückert
1788-1866

Schilflieder


schilflieder


Schilflieder

I.

Drüben geht die Sonne scheiden,
Und der müde Tag entschlief.
Niederhangen hier die Weiden
In den Teich, so still, so tief.

Und ich muss mein Liebstes meiden:
Quill, o Träne, quill hervor!
Traurig säuseln hier die Weiden,
Und im Winde bebt das Rohr.

In mein stilles, tiefes Leiden
Strahlst du, Ferne! hell und mild,
Wie durch Binsen hier und Weiden
Strahlt des Abendsternes Bild.

Nikolaus Lenau
1802-1850

Selige Sehnsucht


selige-sehnsucht

Moganni Nameh
Auszug aus "Selige Sehnsucht"


Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde

Johann Wolfgang von Goethe
1749-1832

Regenbogen


regenbogen
ewesig

Regenbogen

Dein Blick
traf mich wie ein unvermuteter Sonnenstrahl
aus wolkenverhangenem Himmel

Dein Lächeln
wehte zu mir herüber wie ein lauer Windhauch
der den Duft des Frühlings bringt

Deine Worte
wuschen den Winterstaub aus meinem Herzen
zärtlich und sanft wie warmer Mairegen

Und glücklich staunend wie die Kinder
standen wir vor dem Wunder des Regenbogens
der uns plötzlich miteinander verband

© evelyne weissenbach

Abschied


rilke-hobo


Abschied

Wie hab ich das gefühlt, was Abschied heißt.
Wie weiß ichs noch: ein dunkles unverwundnes
grausames Etwas, das ein Schönverbundnes
noch einmal zeigt und hinhält und zerreißt.

Wie war ich ohne Wehr, dem zuzuschauen,
das, da es mich, mich rufend, gehen ließ,
zurückblieb, so als wärens alle Frauen
und dennoch klein und weiß und nichts als dies:

Ein Winken, schon nicht mehr auf mich bezogen,
ein leises Weiterwinkendes – schon kaum
erklärbar mehr: vielleicht ein Pflaumenbaum,
von dem ein Kuckuck hastig abgeflogen

Rainer Maria Rilke
1875-1926

der see


ein der see


der see

langsam gleite ich
in deine offenen arme
deine kühlen, sanften hände
streichen über meine haut

empfängst mich
dehnst dich vor mir aus
teilst dich für mich

hinter mir bilden sich
breite wellen in dir

so trägst du mich sicher
ans ufer zurück
bis ich wieder boden
unter den füßen hab

© elis rotter

Lebewohl


Lebewohl

Wer sollte fragen, wie's geschah?
Es geht auch andern ebenso.
Ich freute mich, als ich dich sah,
Du warst, als du mich sahst, auch froh.

Der erste Gruß, den ich dir bot,
Macht' uns auf einmal beide reich;
Du wurdest, als ich kam, so rot,
Du wurdest, als ich ging, so bleich.

Nun kam ich auch tagaus, tagein,
Es ging uns beiden durch den Sinn;
Bei Regen und bei Sonnenschein
Schwand bald der Sommer uns dahin.

Wir haben uns die Hand gedrückt,
Um nichts gelacht, um nichts geweint,
Gequält einander und beglückt
Und haben's redlich auch gemeint.

Dann kam der Herbst, der Winter gar,
Die Schwalbe zog nach altem Brauch,
Und: lieben? – lieben immerdar?
Es wurde kalt, es fror uns auch.

Ich werde geh'n ins fremde Land,
Du sagst mir höflich: Lebewohl!
Ich küsse höflich dir die Hand,
Und nun ist alles, wie es soll.

Adelbert von Chamisso
1781-1838

Ein Kranz aus Zärtlichkeit


ein kranz aus zärtlichkeit


Ein Kranz aus Zärtlichkeit

Deine Liebe
lässt
in meinem Seelengarten
die schönsten Rosen
erblühen

Und ihre zarten Triebe
flechten einen Kranz
aus Zärtlichkeit
um mein Herz

© Sigrid Boos

Suleika Nameh


suleika

Suleika Nameh
Auszug

Hochbeglückt in deiner Liebe,
Schelt ich nicht Gelegenheit,
Ward sie auch an dir zum Diebe,
Wie mich solch ein Raub erfreut.

Und wozu denn auch berauben?
Gib dich mir aus freier Wahl;
Gar zu gerne möcht ich glauben:
Ja, ich bins, die dich bestahl.

Was so willig du gegeben,
Bringt dir herrlichen Gewinn:
Meine Ruh, mein reiches Leben
Geb ich freudig, nimm es hin!

Johann Wolfgang von Goethe
1749-1832

Die LYRIC GALLERY

Liebe Lyrik-Freunde!
Leider habe
ich in den letzten Jahren
viel zu wenig Zeit
für diese Seite gefunden.
Deshalb werde ich sie nun
"einfrieren“.
Da aber so viele schöne
Texte drauf sind,
lösche ich sie nicht,
sondern bestücke sie
nur nicht weiter.
Viel Freude beim
Immer-Wieder-Lesen!

Eure evelyne w.

Kommentare

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